
Es begann in Wiesbaden
Im Jahr 2016 schlossen sich der Orientdienst e.V. und der Evangelische Ausländerdienst e.V. zu Orientierung: M e.V. zusammen. Beide Werke teilten von Anfang an dieselbe Vision: Menschen mit Migrations- und Fluchtgeschichte in Deutschland zu erreichen – ein Anliegen, das uns bis heute antreibt. 2026 hatten wir unser 10-jähriges Jubiläum. Aus diesem Anlass blicken wir auf unsere Wurzeln zurück und beleuchten hier die Geschichte des Orientdienstes.
Offiziell schlug die Geburtsstunde des Orientdienstes (OD) 1975 mit der Gründung als eigenständiger Verein. Doch seine Wurzeln gehen weiter zurück, auf einen Mann, der viele Jahre in der arabischen Welt gelebt hatte: Pfarrer Willi Höpfner.
Pfarrer Höpfner war kein Fremder im Orient. Jahrelang prägten Ägypten und Nordafrika sein Leben: erst als Soldat, dann als Sprachstudent und schließlich als deutscher Gemeindepfarrer in Kairo. Als er nach Deutschland zurückkehrte, übernahm er nach einer kurzen Zwischenstation als Krankenhausseelsorger die Geschäftsführung der EMO (damals: Ev. Mission in Oberägypten, heute Evangeliumsgemeinschaft Mittlerer Osten) in Wiesbaden. Neben diesem Amt suchte er die Begegnung mit Orientalen, und so lud er arabische Menschen zu sich nach Hause ein und teilte mit ihnen Leben und Glauben.
In dieser Zeit gab es in Deutschland große Veränderungen: Mitte der 60er-Jahre kamen tausende türkische Gastarbeiter, viele von ihnen auch nach Wiesbaden. Pfarrer Höpfner brannte darauf, diesen Menschen zu dienen, doch er konnte kein Wort Türkisch.
Da erinnerte er sich an einen jungen Mann, den er einige Jahre zuvor auf einer Reise kennengelernt hatte: Jürg Heusser, einen jungen Schweizer, der 1962 in die Türkei ausgereist war. Doch schon nach drei Jahren musste er das Land wieder verlassen, die Türkei hatte ihn ausgewiesen.
Nun ging eine Anfrage in die Schweiz: „Wir brauchen dringend jemanden, der Türkisch spricht. Können Sie nicht nach Wiesbaden kommen?“
Jürg, frisch verheiratet mit Marlis, war bereit, mit seiner Frau für ein paar Monate in Wiesbaden auszuhelfen. Was sie nicht ahnten: Aus den paar Monaten sollte eine Lebensaufgabe werden.
Als sie 1968 nach Wiesbaden kamen, war der Orientdienst ein Arbeitszweig der EMO, und so wurde er bei der EMO angestellt.
Zwei Jahre später kam eine türkische Mitarbeiterin dazu, dann ein türkischer Mitarbeiter. Die Arbeit wuchs.
Als bei der EMO 1975 ein Führungswechsel anstand – Pfarrer Troeger übernahm die Leitung - schlug für den Orientdienst die Stunde der Selbstständigkeit:

Buchhalterisch waren beide Arbeitsbereiche allerdings schon immer sauber getrennt worden: Die EMO unterhielt ein Krankenhaus in Assuan und der Orientdienst arbeitete unter Türken in Deutschland. So konnten die Missionsfreunde wählen, was sie unterstützen wollten.
Den Start des Orientdienstes unterstützten finanziell und personell im Vorstand gleich mehrere Werke: die Christoffel Blindenmission, die DMG, der ERF und die EMO; sie sahen schon lange die Notwendigkeit einer Arbeit unter Muslimen in Deutschland.
Die Aufgaben des Orientdienstes wurden schnell vielfältig. Schon 1975 entstanden verschiedene Arbeitsbereiche:
- Der türkische Andachtskalender, der bis heute bei uns erhältlich ist. Viele Jahre wurde er von mehreren Mitarbeitern erstellt, jetzt schreibt ihn ein türkischer Mitarbeiter.
- Der ERF (Evangeliums-Rundfunk Wetzlar) suchte dringend jemand für türkischsprachige Radiosendungen. Ali Yazar und Erol Ozer gaben den Sendungen mit Liedern und Botschaften Stimme und Inhalt. Über Jahre floss viel Zeit und Kraft in diese Arbeit, die genau zur richtigen Zeit, nämlich der Gastarbeiterzeit, entstanden war. Später stieß Cemil, ein kurdischer Christ, zum Team. Er verantwortete die Radiosendungen in Kurdisch-Kurmandschi.
- Schulungen in Gemeinden und Seminare, um Christen zu ermutigen, mit Muslimen über den Glauben zu reden, kulturelle Verschiedenheiten zu verstehen und einen Blick in die Welt des Islams zu bekommen.
- Die türkischen Familienfreizeiten waren eine weitere, wertvolle Arbeit. Sie fanden über viele Jahre immer an Ostern und Weihnachten statt und haben türkischen Christen und Suchenden geistliche Orientierung und Gemeinschaft gegeben. Auch die Kinder hatten eine besondere Zeit und lernten mehr von Jesus kennen.
- Der Orientdienst organisierte zweimal im Jahr eine Konferenz für alle, die in Europa unter türkischsprechenden Menschen arbeiteten, die Workers Conference, später TOC (Turkish Outreach Conference). Austausch und Gebet war ein wichtiger Teil für alle Teilnehmer.
- Vertrieb von Medien in verschiedenen Sprachen: Bibeln, Neue Testamente, Evangelien, evangelistische Literatur, Kalender und Kassetten.
Eine fruchtbare Arbeit war die Verbreitung der türkischen Lieder. Wir hatten etwa 120 Lieder, von denen Ali Yazar den größten Teil geschrieben und komponiert hatte.
Diese Lieder wurden auf tausende Kassetten kopiert und verschickt. Besonders Frauen, die nicht gut lesen konnten, hörten diese Lieder zu Hause. Sie veränderten ihr Leben, durch die Lieder ist viel geistlich Gutes entstanden
- Herausgabe der Zeitschrift „Orientierung“ mit vielen hilfreichen Impulsen für die Begegnung mit Muslimen in Europa.
Viele Beiträge finden Sie heute noch auf unserer Homepage. In jedem Heft gab auch es den „Minikurs Islam“. Über die Jahre sind eine ansehnliche Anzahl an Artikeln entstanden, die Sie auf unserer Homepage finden.
Erzählt u.a. von Jürg Heusser. Er war langjähriger Leiter des Orientdienstes in Wiesbaden.