
Es begann in Wiesbaden
Offiziell schlug die Geburtsstunde des Orientdienstes (OD) 1975 mit der Gründung als eigenständiger Verein. Doch seine Wurzeln gehen weiter zurück, auf einen Mann, der viele Jahre in der arabischen Welt gelebt hatte: Pfarrer Willi Höpfner.
Pfarrer Höpfner war kein Fremder im Orient. Jahrelang prägten Ägypten und Nordafrika sein Leben: erst als Soldat, dann als Sprachstudent und schließlich als deutscher Gemeindepfarrer in Kairo. Als er nach Deutschland zurückkehrte, übernahm er nach einer kurzen Zwischenstation als Krankenhausseelsorger die Geschäftsführung der EMO (Ev. Mission in Oberägypten) in Wiesbaden. Neben diesem Amt suchte er die Begegnung mit Orientalen, und so lud er arabische Menschen zu sich nach Hause ein und teilte mit ihnen Leben und Glauben.
In dieser Zeit gab es in Deutschland große Veränderungen: Mitte der 60er-Jahre kamen tausende türkische Gastarbeiter, viele von ihnen auch nach Wiesbaden. Höpfner brannte darauf, diesen Menschen zu dienen, doch er konnte kein Wort Türkisch.
Da erinnerte er sich an einen jungen Mann, den er einige Jahre zuvor auf einer Reise kennengelernt hatte: Jürg Heusser, einen jungen Schweizer, der 1962 in die Türkei ausgereist war. Doch schon nach drei Jahren musste er das Land wieder verlassen, die Türkei hatte ihn ausgewiesen.
Nun ging eine Anfrage in die Schweiz: „Wir brauchen dringend jemanden, der Türkisch spricht. Können Sie nicht nach Wiesbaden kommen?“
Jürg, frisch verheiratet mit Marlis, war bereit, mit seiner Frau für ein paar Monate in Wiesbaden auszuhelfen. Was sie nicht ahnten: Aus den paar Monaten sollte eine Lebensaufgabe werden.
Als bei der EMO 1975 ein Führungswechsel anstand – Pfarrer Troeger übernahm die Leitung - schlug für den Orientdienst die Stunde der Selbstständigkeit: Er wurde als eigenständiger Verein mit Sitz in Wiesbaden gegründet und dem Ziel, orientalische Arbeitnehmer und Studenten mit dem Evangelium bekannt zu machen und christliche Gemeinden für diese Aufgabe zu schulen.
Den Start unterstützten finanziell und personell im Vorstand gleich mehrere Werke: die Christoffel Blindenmission, die DMG, der ERF und die EMO; sie sahen schon lange die Notwendigkeit einer Arbeit unter Muslimen in Deutschland.
Die Aufgaben des Orientdienstes wurden schnell vielfältig. Schon 1975 entstanden verschiedene Arbeitsbereiche:
- Der türkische Andachtskalender, der bis heute bei uns erhältlich ist. Viele Jahre wurde er von mehreren Mitarbeitern erstellt, heute schreibt nur ein Mitarbeiter ihn jedes Jahr neu.
- Der ERF (Evangeliums-Rundfunk) suchte dringend jemand für türkischsprachige Radiosendungen. Ali Yazar und Erol Ozer gaben den Sendungen mit Liedern und Botschaften Stimme und Inhalt. Über Jahre floss viel Zeit und Kraft in diese Arbeit, die genau zur richtigen Zeit, nämlich der Gastarbeiterzeit, entstanden war. Später kam Cemil mit Sendungen in Kurdisch-Kurmandschi dazu.
- Schulungen in Gemeinden und Seminare, um Christen zu ermutigen, mit Muslimen über den Glauben zu reden, kulturelle Verschiedenheiten zu verstehen und einen Blick in die Welt des Islams zu bekommen.
- Türkische Familienfreizeiten, jedes Jahr über Ostern und Weihnachten. Türkische Christen waren oft einsam, die Freizeiten dienten der Gemeinschaft und Zurüstung. Sie war offen für am Glauben Interessierte. Kinder hatten eine wertvolle Zeit und lernten mehr von Jesus kennen.
- Der Orientdienst organisierte zweimal im Jahr eine Konferenz für alle, die in Europa unter türkischsprechenden Menschen arbeiteten, die Workers Conference, später TOC (Turkish Outreach Conference). Austausch und Gebet war ein wichtiger Teil für alle Teilnehmer.
- Vertrieb von Medien in verschiedenen Sprachen: Bibeln, Neue Testamente, Evangelien, evangelistische Literatur, Kalender und Kassetten.
- Herausgabe der Zeitschrift „Orientierung“ mit vielen hilfreichen Impulsen für die Begegnung mit Muslimen in Europa.
Jürg Heusser, langjähriger Leiter des Orientdienstes